Prolog

17. Januar 1991

»Guten Morgen. Es ist sieben Uhr. Sie hören Deutschlandfunk. Die Nachrichten. Seit etwa sieben Stunden fliegen die USA und ihre Verbündeten fast pausenlos Luftangriffe auf den Irak und das besetzte Kuwait. Dabei trafen sie nach eigenen Angaben auf unerwartet geringen Widerstand. Auch …«

»Das ist mein Mischa. Gib ihn mir. Gib ihn mir!«, kreischte das kleine Mädchen mit knallrotem Kopf und von Marmelade verschmiertem Mund, wobei sie so sehr in ihrem Hochstühlchen hin und her ruckelte, dass man Angst bekam, sie könnte jeden Moment damit umfallen.

Ihr Bruder streckte ihr die Zunge heraus, woraufhin ein Teil einer zerkauten Wiener Wurst auf der gummierten Schlumpf-Familie landete, die die Vorderseite seines Sweatshirts zierte. Sein schadenfrohes schrilles Lachen ließ die bis dahin im Mund verbliebenen Wurstbröckchen auch noch hinterherfliegen, durch die schnellen Bewegungen seines Kopfes derart beschleunigt, dass sie gleich darauf seine Beine, das vor ihm stehende Brettchen und etwas von der Blümchentapete an der Wand neben ihm bedeckten.

»Also wirklich«, schimpfte die Mutter der beiden, sprang auf und holte aus der Küche ein Wischtuch, mit dem sie hektisch versuchte, den Schaden zu beseitigen. »Wie siehst du denn jetzt wieder aus? Wir müssen gleich los. Könnt ihr nicht einmal ordentlich frühstücken?«

Der Junge blieb von der Aufregung seiner Mutter unbeeindruckt und schleuderte den braunen Teddybären, den er die ganze Zeit hinter seinem Rücken versteckt hatte, mit voller Wucht über den Kopf seines Vaters hinweg gegen die dunkelbraune Schrankwand am anderen Ende des Wohnzimmers. Dort wurde er von einem beerenfarbenen Rauchglasvasen-Sammelsurium aus den VEB Glaswerken Schmiedefeld abgebremst. Es klirrte.

Schweigen und schockierte Gesichter. In die Pause hinein plärrte das Radio: »Heute wird im Deutschen Bundestag der erste Bundeskanzler im wiedervereinigten Deutschland gewählt. Helmut Kohl …«

Ein gellender Schrei übertönte erneut die Durchsage. »Mein Mischa ist tot! Mein Mischa!« Dann ging die Klage in einen Weinkrampf über.

Der Vater, der die ganze Zeit kein Wort gesprochen hatte, legte sein Brötchen ab, schlug mit der flachen Hand fest auf den Tisch und sagte ruhig, aber bestimmt: »Jetzt ist Ruhe.«

Ein paar Minuten lang hörte man einzig das leise Klirren des Porzellans und die kratzenden Geräusche, die ein Messer verursachte, wenn man mit ihm auf einem Plastikbrettchen eine Scheibe Brot durchschnitt.

»Gehst du heute auch zur Belegschaftsversammlung?«, fragte der Vater der beiden Kinder, hielt kurz inne, streckte seine Hand nach den sechs oder sieben vor ihm stehenden Marmeladengläsern aus, bewegte sie unentschlossen von einem Deckel zum anderen und entschied sich schließlich für Aprikose. Diese Vielfalt hatte für ihn nach wie vor etwas Berauschendes, auch wenn es sich dabei nur um Brotaufstrich handelte. Ein herrliches Gefühl. Sie kauften allerdings nichts mehr von dem, was sie früher gegessen hatten. Westmarken waren angesagt, um das jahrzehntelang geschürte Verlangen zu stillen. Die westdeutschen Unternehmen sollte es freuen. Aber was war mit den eigenen? Wenn keiner mehr die Erzeugnisse des VEB Früchteverarbeitung Gera konsumierte, würde man diesen Betrieb in Zukunft nicht mehr brauchen – und in logischer Konsequenz die Mitarbeiter auch nicht. War der andere, der neue Geschmack das wert? Mehr war es doch nicht, oder? Ein Aroma, eine flüchtige Entdeckung, ein Schritt in eine unbekannte Welt, die wie alles früher oder später ihren Reiz verlieren konnte, ordinärer Konsum.

Nachdem er zwei Teelöffel der orangen Masse auf seinem Brot verteilt hatte, biss er enthusiastisch hinein, schloss kurz genießerisch die Augen, kaute und schaute zu seiner Frau.

»Wann ist die Versammlung denn? Und worum geht es?«, fragte sie arglos, bestrich geschäftig eine Scheibe Brot mit einer dünnen Schicht Butter, fügte Aufschnitt hinzu und drückte eine zweite Brotschnitte fest darauf. Nachdem sie das Ganze geviertelt hatte, legte sie es gemeinsam mit einem Apfel in die vor ihr stehende Brotbüchse.

Er betrachtete sie schweigend. Allein die Frage ließen Wut in ihm aufsteigen. Sie wusste genau, welche Versammlung gemeint war. Das ganze Werk wusste es. Elftausend Menschen bangten im einstigen sozialistischen Vorzeigebetrieb VEB Robotron Büromaschinenwerk »Ernst Thälmann« Sömmerda um ihre Arbeit. Dass die den Laden vor einem halben Jahr in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hatten, änderte daran auch nichts. Ein Teil der alten Produktionsbereiche war bereits verkauft worden. Für die Belegschaft ging es erst einmal weiter. Aber das Gros hatte Angst, vor allem, weil nicht wenige von ihnen schon mit Kurzarbeit Null zu Hause saßen.

Die Werksleitung würde heute keine Planerfüllungszahlen verkünden, da war er sich absolut sicher. Und seine Frau hockte da, schmierte Schulbrote und tat so, als ob das wahre Leben an ihrem geliebten Werk vorbeiziehen würde. Wie ihn das ankotzte. Diese Lethargie.

Seit anderthalb Jahren war nichts mehr wie zuvor. Alle Pläne, ihre vorbestimmten Wege, die Sicherheit, all das hatte sich einfach in Luft aufgelöst. Ganze Biografien hatte die Wende ad absurdum geführt. Und noch war nichts überstanden, ganz im Gegenteil, alles befand sich weiterhin in einem Umwälzungsprozess. Dabei würde es Gewinner und Verlierer geben, das war ihm bewusst. Er wollte zu Ersteren gehören. Und nicht wie seine Frau warten, bis jemand kam, der sie an die Hand nahm und ihr die Richtung wies. Das würde nicht passieren. Die Zeiten waren vorbei. In diesem anderen, ihm vollkommen fremden Staat musste man sich um sich selbst kümmern. Das hatte er schnell begriffen. Genau das wollte er tun.

In den letzten Wochen und Monaten hatte er das erste Mal in seinem Leben gespürt, was es bedeutete, frei zu sein. Ein erhabeneres Gefühl war ihm bisher noch nie untergekommen. Bei allem Risiko, das die Freiheit unweigerlich mit sich brachte, er wollte sie ausleben. Er war schließlich jung, mit Mitte zwanzig war noch alles möglich. Lange genug hatte er in diesem kleinbürgerlichen Spießermief dahinvegetiert. Schichtdienst, Jugendkollektiv, Messe der Meister von Morgen und dann zwei Wochen Urlaub im Betriebsferienheim Rastenberg, drei Jahre hintereinander. Nicht einmal bis zum Kleinen Inselsberg waren sie gekommen. Die Bungalows dort waren schon ausgebucht gewesen, bevor er den Ferienplatz beantragen konnte. Staatlich gelenkter Urlaub, wenn du keine Beziehungen hattest, musstest du das nehmen, was übrigblieb. Er wollte mit dem Auto quer durch Italien fahren, nach Spanien und wohin auch immer, und da würde er keinen der Genossen vorher fragen, wo und wann er anhalten durfte. Auch seine Frau nicht. Die bekam ja schon Herzrasen, wenn er nur vorschlug, in Leipzig das Gewandhaus zu besuchen. Ihr genügte der Dunstkreis der Kreisstadt. Und natürlich das Werk. Aber auch außerhalb des Büromaschinenwerkes und der an dessen Tropf hängenden Stadt Sömmerda gab es Leben. Wenn die das Werk abwickelten, was er nicht für ausgeschlossen hielt, wäre in der Stadt ohnehin alles vorbei. Aber das wollte ja niemand hören.

»Ich werde hingehen. Du musst nicht auf mich warten. Die Kollegen wollen dann nach der Arbeit noch auf ein Bier in den Thüringer Hof.« Er stand auf, küsste erst seine Tochter, dann seinen Sohn auf die Stirn, schaute seiner Frau tief in die Augen, legte ihr kurz die Hand auf die Schulter und ging.

»Aber du warst doch erst am Dienstag …«, sagte sie zögerlich.

»Ungewöhnliche Zeiten«, antwortete er lapidar. Kurz darauf zog er die Haustür hinter sich ins Schloss.

Sie würde ihn nie wiedersehen.