Am frühen Nachmittag waren die Gaukler, Musikanten, Ritter, Händler, Stelzenläufer, Fahnenschwinger und allerlei Gefolge in der Stadt eingefallen und hatten unter den Klängen von Dudelsäcken, Trommeln und Flöten das Stadtoberhaupt nebst der schönen Rosenkönigin und dem Herold der Thüringer Landgrafen, Randolf zu Duringen, vom Rathaus abgeholt und über die belebte Marktstraße zur großen Bühne auf dem Töpfermarkt begleitet. Nun stand der Bürgermeister unter den schwarzen Planen der Bühnenverkleidung und schwitzte aus allen Poren. Die weinrote Samtweste mit den aufgenähten hellgrauen Fellapplikationen, das geschlossene Leinenhemd und die dicken Hosen taten dabei ihr Übriges.

Randolf zu Duringen, der wie jedes Jahr mit frecher Zunge durch das Programm führte, nickte mit wichtiger und übertrieben ehrerbietender Miene zu den Worten des Stadtoberhauptes und animierte das Publikum mittels seines Heroldstabes zum Applaudieren. Dabei verrutschte ihm fortwährend das rot-schwarze Chaperon, das er auf dem Kopf trug. Mit zackigen Handbewegungen richtete er es ein ums andere Mal und warf die lange, herabhängende Spitze verwegen zur Seite. Der stattliche Mann steckte bis zu den Waden in einem rot-blau-gelben Wappenrock, der mit dem Wappen des Thüringer Löwen, Sternen und Kreuzen verziert war. Darunter blitzte eine dunkelblaue Strumpfhose hervor. An den Füßen trug er abgewetzte dunkelbraune Schnabelschuhe, in denen er beschwingt hin und her tänzelte. Er vermittelte nicht den Eindruck, als würden ihm die hohen Temperaturen etwas ausmachen. Dagegen schien die Rosenkönigin, die unschwer daran zu erkennen war, dass ihr ein Korb mit dunkelroten Rosen über dem Arm hing, in ihrem hellgrünen langen Samtkleid und ihrem breiten, Ton in Ton gehaltenen Stirnreif förmlich wegzufließen. Sie presste die Lippen zusammen und lächelte tapfer.

»Das sechsundzwanzigste Mittelalterstadtfest ist eröffnet«, rief der Bürgermeister voller Überschwang. Er entledigte sich seines großen Hutes und fächelte sich und der Rosenkönigin damit abwechselnd etwas Luft zu, denn jetzt kamen die Gaukler und Spielleute dran, die unter lautem Getöse vor der Bühne aufzogen, um dem Stadtoberhaupt ihre Aufwartung zu machen. Berthold von der schönen Aue lachte fröhlich, während das Spielmannsduo „Pampatut“ in gestreiften Hosen und bunten Gewändern nach vorn trat und, begleitet von Drehleier und Cister, lautstark derbe Lieder zum Besten gab. Mühelos gelang es den beiden stadtbekannten Musikanten, die Zuhörer zu begeistern, sodass kurze Zeit später der gesamte Töpfermarkt am Ende jeder Strophe die Arme nach oben riss und ein schallendes »Hey!« hören ließ.

Nur wenige Minuten nach der offiziellen Eröffnung befand sich Bad Langensalza im berüchtigten Mittelalterstadtfestfieber.