»Sie kennen sich hier erstaunlich gut aus, Kollege.« Bernsen streckte die Nase in die Luft, als er die Wagentür öffnete. Dabei hoben und senkten sich seine Nasenflügel in rhythmischer Regelmäßigkeit wie bei einem Hund, der Witterung aufgenommen hatte. »Ich glaube, den einzigen Sport, den ihr Thüringer wirklich gut beherrscht, nennt man Grillen«, lästerte er. »Ich habe mal gehört, beim Wintersport, auf dem Rad und beim Handball seien wir sogar noch wesentlich besser«, antwortete Kohlschuetter, der echt keine Lust mehr auf diese Wessisprüche hatte. »Aber ich kann mich auch irren«, ergänzte er gereizt. Doch nichts davon war in Bernsen Ohr gedrungen.

Sie hatten den großen Bratrost erreicht, auf dem der Wirt der »Scheune«, einer kleinen Kneipe, die zum Hotel gehörte, in dichten Reihen lecker duftende Bratwürste angeordnet hatte. »Sind das auch echte Thüringer?«, fragte Bernsen, der breitbeinig vor seinem Mittagessen stand und sich zweifelnd das Kinn rieb. Auf dem Gesicht des Scheunenwirtes, eines kleinen, rundlichen Mannes mittleren Alters, der seinem wohlgerundeten Bauch nach zu urteilen schon einige Erfahrung mit der Thüringer Küche gesammelt hatte, stellte sich blitzartig eine Zornesfalte ein. Er starrte angestrengt auf die fast schon goldbraunen Würstchen, als ob die erlittene Schmach dadurch an ihm vorüberziehen würde.

Bernsen, der so viel menschliches Feingefühl wie eine Dampfwalze besaß, legte noch einmal nach: »Beim Auswandererhaus in der Columbusstraße gibt es die besten.« »Wie meinen?« Der Wirt musterte ihn abfällig. »Bei uns im Landkreis gibt es kein Asylantenheim.« »Guter Mann, lassen Sie mich Ihnen das einmal erklären«, hob Bernsen mit dem Gesichtsausdruck eines Schulmeisters an. »Ich rede von dem Auswandererhaus in Bremerhaven. Dort steht eine ausgezeichnete Würstchenbude.« Kohlschuetter konnte förmlich sehen, wie die Stichworte »Würstchenbude, Elektrogrill, Bremerhaven, Norddeutschland« durch das Gehirn des Wirtes ratterten. Einen kurzen Moment lang überlegte er, wie er seinem Kollegen aus diesem riesigen Fettnapf heraushelfen könnte, doch dann verwarf er den Gedanken voller Schadenfreude über das, was gleich passieren würde. »Haben Sie gerade gesagt, in Bremerhaven gibt es die besten Thüringer?« Der Wirt fuchtelte mit der Würstchenzange aufgebracht vor Bernsens Nase herum. »Ja, allerdings, da kommen die Würste, die ich hier bisher gegessen habe, nicht mit«, antwortete Bernsen arglos. »Aber das kann sich ja nun ändern, die Chance haben Sie.« »Chance? Chance!« Der Wirt brüllte nun fast. »Elvira, komm mal bitte her. Hier sind zwei arrogante Schnösel aus dem hohen Norden, die unsere Roster beleidigen.« Bei »zwei arrogante Schnösel aus dem hohen Norden« hielt er sich die Nase zu, um seinen Worten den nasalen Klang zu geben, den er, seit er den Film »Werner Beinhart« gesehen hatte, für den gängigen norddeutschen Dialekt hielt.

»Ein Norddeutscher«, widersprach Kohlschuetter in feinstem Nordhäuser Dialekt. »Und ich hätte gern eine Bratwurst ohne Brötchen, dafür aber mit viel Senf. Schön dunkel, wenn es geht.« Der Wirt stutzte. Dann griff er nach einer extra dunklen Wurst, strich eine dicke Reihe Senf darüber, reichte sie Kohlschuetter auf einem Pappteller und murmelte: »’tschuldigung, wollte Sie nicht beleidigen.« »Schon gut«, erwiderte der Kommissar grinsend und setzte sich auf eine Bank, um das Schauspiel weiter verfolgen zu können. »Also, was ist nun mit meiner Wurst? Schließlich will ich hier keine Wurzeln schlagen. Ich würde genau genommen sogar zwei nehmen.« Bernsen hatte beide Hände in die Hüften gestemmt und wippte ungeduldig auf und ab. »Die sind alle«, gab der Wirt lapidar zur Antwort.